6. März – 10. Juni 2019

PETER BALDINGER

SKY OF STONES

STEPHANSDOM WIEN

6. März – 10 Juni 2019 

Mo–Sa: 6–22

So: 7–22

Domkirche St. Stephan
Stephansplatz
1010 Wien

Mit Sky of Stones gestaltet Peter Baldinger heuer die erste raumgreifende, haptische Installation im Stephansdom, die sich über das gesamte Mittelschiff ausbreitet. 1332 Steine darstellende Papierobjekte schweben in sechs Metern Höhe über den Köpfen der Besucher. Von Aschermittwoch bis Pfingstmontag präsentiert sich die beeindruckende Intervention in drei verschiedenen Lichtstimmungen, die mit der Liturgie einhergehen: in der Fastenzeit in Violett, zu Ostern in Gold und bis Pfingsten schließlich in Rot.

Das Kunstwerk kann als eine Referenz an Jesus als „Eckstein“ und die Gemeinschaft der Gläubigen als die „lebendigen“ Steine  gelesen werden und erinnert gleichzeitig an den Steinigungstod des Erzmärtyrers Stephanus, dem die Wiener Domkirche geweiht ist.

Ebenso spektakulär wie Sky of Stones ist Echo Curtain, der Entwurf für das diesjährige Fastentuch, mit dem Baldinger seine Intervention bis zum Altar hin fortsetzt. Das „Velum quadragesimale“, ein ca. 25 m2 großer „stählerner Vorhang“, besteht aus 612 lose aneinander gehängten Edelstahlspiegeln. So wird die liturgische Verhüllung durch ihr fraktales und verzerrtes Spiegelbild gleichzeitig zu einem lebendigen Screen für den
gesamten Kirchenraum, die Intervention und die Besucher.

Der Künstler hat bereits 2013 das erste zeitgenössische künstlerische Fastentuch für den Stephansdom gestaltet.

Peter Baldingers Sky of Stones im Wiener Stephansdom

von Alexander Klee

 

Bedrohlich schweben über unseren Köpfen die Felsbrocken Peter Baldingers, als ob sie uns erschlagen wollten. Sie spielen damit offensichtlich auf die Steinigung des Heiligen Stephanus an – dem Patron der Domkirche -, der von seinen Gegnern gefürchtet wurde. Seine flammenden Reden erbosten sie so sehr, dass sie ihn steinigten, womit er zum ersten Märtyrer des Christentums wurde. Steinigungen waren schon in der Antike meist Ausdruck spontaner, kollektiver Lynchjustiz.


Als Symbol kann Stein aber ebenso gut als das dauerhafte Beständige interpretiert werden, wie der Fels auf den Gott seine Kirche baut (Mt 16,18). Seine sinnbildliche Deutung ist widersprüchlich.  Grabsteine wirken als Erinnerungs- und Begegnungsstätten. Hier wirkt der Stein jedoch als ein übernatürliches Phänomen, losgelöst aus unserer Realität. Manch ein Cineast erinnert sich bei einer solchen Wirkung an an den Monolith in Stanley Kubrick’s Film „2001: Odyssee im Weltraum“ von 1968. Meteoriten gelten auch heute noch als besondere Stei-ne, die aus einer anderen Welt in die unsrige dringen. Ein Stück des Himmels scheint herausgebrochen; Unheil oder Heil bringend fällt dann der Stein aus dem Himmelsgewölbe. Schlusssteine besitzen daher in Gewölben eine besondere Bedeutung, garantieren doch gerade sie deren Beständigkeit. In einem gotischen Kirchenraum, wie dem Stephansdom, schließen die Schlusssteine das Gewölbe als Sinnbild des Himmels ab.


Baldinger installiert die sogenannten hängenden Schlusssteine – eine Sonderform in einigen Gewölben der Spätgotik – wortwörtlich in das Langhaus des Domes.


Unsere Brocken scheinen jedoch vielmehr wie Asteroiden über uns zu schweben, in einem Gleichgewicht zu stehen und sich der Schwerkraft widersetzen zu können. Dennoch wirken sie bedrohlich. Eine Kirche sollte al-lerdings Schutz bieten, hier setzt sie jedoch – zumindest optisch - die Gläubigen einer scheinbaren Bedrohung aus. Kaum jemand kann sich dieser Menge, diesem Gewitter aus Steinbrocken entziehen. Dabei handelt es sich in Wirklichkeit um leichte, aus Papier geformte und individuell gestaltete Objekte. Das leichte und leicht zerstörbare Papier wird zu etwas bedrohlich Schwerem. Man könnte dies als barocke Bildrhetorik deuten, die sich als Metapher und Sinnbild gut in den liturgischen Kontext einfügen lässt. Etwas scheinbar Unerklärbares wird sinnlich erfahrbar. Ein Jahr vor der Mondlandung zeigten die ersten Fotografien die Erde als einen blauen Himmelskörper in der Unendlichkeit des Alls. Heute besitzen wir ebenso Fotografien der Saturnringe, die mit unserem Assoziationsvermögen schnell Referenzen zu Baldingers Felsbrocken herstellen.


Bliebe es dabei, würde jedoch jene Frage auf der Strecke bleiben, der Baldinger beständig nachgeht:  die der Wahrnehmung, Täuschung und Verfremdung. In früheren malerischen Werken dienten hierzu Riffelglas-scheiben, die ein Objekt bzw. eine Person optisch verfremden oder die Reduktion von populären Dingen durch eine bewusste technische Rasterung, wie sie im Zeitungsdruck angewendet wird, die in ihrer malerischen in-dividuellen Ausführung im Widerspruch zur technischen Massenproduktion steht.


So steht am Anfang unserer Wahrnehmung des Kirchenraumes die Täuschung. Paradox zur physikalischen Wirklichkeit empfinden wir die Papierformen als schwere unzerstörbare Materie, die drohend im Raum zu schweben scheint. Baldinger schärft damit unsere Wahrnehmung. Die Steine, aus denen der Dom gebaut und geformt wurde, täuschen eine Leichtigkeit vor und verdeutlichen die Beherrschbarkeit des Materials. Umge-kehrt verunsichern die Steinbrocken aus Papier die überwältigende Rhetorik der Architektur: Die Architektur des Domes schafft ein einheitliches Ganzes, welches über Jahrhunderte einer Vielzahl von Steinmetzen her-ausarbeitete. Wurde der Stein des Kirchenbaus nach dem menschlichen Willen geformt, so besitzen die Fels-brocken individuelle Merkmale und entheben sich unserem sicheren Wahrnehmungsvermögen: So sollten wir also immer genau hinsehen und prüfen was wir als Tatsache akzeptieren. 

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© 2019 Peter Baldinger. www.baldinger.cc

Die Verwirklichung der Installation von Peter Baldinger wurde ermöglicht durch die Unterstützung von: